Multivitamine – ehrlich eingeordnet: das beliebteste Non-Event der Welt
Die Hälfte aller Erwachsenen nimmt täglich ein Multivitaminpräparat – die Evidenz dafür ist jedoch bemerkenswert dünn. Ehrlich eingeordnet: Bei Menschen mit ausgewogener Ernährung verhindert ein tägliches Multivitaminpräparat weder Krankheiten noch einen früheren Tod in nennenswertem Mass. Gezielte Nährstoffpräparate bei einem nachgewiesenen Mangel sind eine andere Sache.
Ein Supplement auf der Suche nach einem Nutzen
Multivitaminpräparate werden gerne als günstige Absicherung vermarktet. Doch anders als die gezielte Behebung eines nachgewiesenen Mangels wurde die breite Multivitamineinnahme in grossen randomisierten Studien geprüft – mit überwiegend ernüchternden Ergebnissen.
Ehrlich eingeordnet bedeutet das nicht «Vitamine sind nutzlos» – sondern: Ein breit gestreutes Multivitaminpräparat hilft Menschen, die sich bereits abwechslungsreich ernähren, in der Regel kaum.
Was die Studien zeigen
Gross, langfristig – und grösstenteils ohne Effekt.
- Kein eindeutiger Nutzen bei Herzerkrankungen oder Sterblichkeit — In einer grossen randomisierten Studie mit männlichen Ärzten über rund 11 Jahre reduzierte die tägliche Einnahme eines Multivitaminpräparats schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse nicht. Fachliche Übersichtsarbeiten kommen zum Schluss, dass gut ernährte Erwachsene daraus keinen nennenswerten Nutzen für chronische Krankheiten oder die Sterblichkeit ziehen. (überverkauft)
- Ein schwaches, bisher nicht repliziertes Krebssignal — Dasselbe Programm zeigte einen moderaten Rückgang der Gesamtkrebsrate um rund 8 % – ein echtes, aber schwaches Signal, das bisher nicht eindeutig reproduziert wurde und sich nicht in weniger Todesfällen niederschlug. (Hinweis)
- Gesundheitsbehörden: unzureichende Evidenz — Eine grosse Präventionskommission kam zum Schluss, dass die Evidenz nicht ausreicht, um Multivitaminpräparate zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs bei gesunden Erwachsenen zu empfehlen. Ausdrücklich abgeraten wird von Beta-Carotin und Vitamin E, die in bestimmten Situationen schaden können. (gut belegt)
Wenn ein Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich nützt
- Einen echten, spezifischen Mangel beheben — Gezielte Nährstoffgaben sind sinnvoll, wenn tatsächlich ein Mangel besteht: B12 für Veganerinnen und Veganer sowie viele ältere Menschen, Vitamin D bei nachgewiesenem Mangel, Eisen bei diagnostiziertem Eisenmangel, Folsäure in der Schwangerschaft. Es handelt sich um spezifische Massnahmen – nicht um eine Allzweckpille. (gut belegt)
- Erst die Ernährung — Eine abwechslungsreiche Ernährung liefert Vitamine zusammen mit Ballaststoffen und anderen Verbindungen, die eine Pille nicht ersetzen kann. Geld, das du für ein Multivitaminpräparat ausgibst, ist meistens besser in Gemüse investiert. (Hinweis)
Was wir noch nicht wissen
- Ist das schwache Krebssignal real? Die bescheidene Reduktion, die in einem einzigen Programm beobachtet wurde, muss erst repliziert werden, bevor sie für Einzelpersonen aussagekräftig ist.
- Profitieren bestimmte Untergruppen? Menschen mit unausgewogener Ernährung oder Malabsorption profitieren möglicherweise stärker, doch breit angelegte Studien können nicht eindeutig bestätigen, für wen das gilt.
Schlüsselbegriffe
- Multivitamin Ein Nahrungsergänzungsmittel, das viele Vitamine und Mineralstoffe in niedrigen Dosen kombiniert. Breit vermarktet, für gesunde Erwachsene jedoch kaum durch Evidenz gestützt.
- Mangel Zu wenig eines bestimmten Nährstoffs für eine gute Körperfunktion – genau die Situation, in der gezielte Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich helfen.
- Beta-Carotin Ein Vitamin-A-Vorläufer; hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel erhöhten das Lungenkrebsrisiko bei Rauchenden – daher die Warnung davor.
- Folat Ein B-Vitamin, das vor und in der Frühschwangerschaft wichtig ist, um Neuralrohrdefekten vorzubeugen.