Impfungen für Erwachsene – Evidenz statt Polemik
Impfungen für Erwachsene gehören zu den am besten belegten Präventionsmassnahmen in der Medizin – einige (Gürtelrose, RSV) zeigen in Studien eine starke Wirksamkeit, andere (Grippe) eine moderate, die von Jahr zu Jahr variiert. Dieser Text dient der Information und ersetzt keinen Impfplan: Welche Impfungen du wann brauchst, klärst du mit einer medizinischen Fachperson und den aktuellen Empfehlungen.
So liest du diesen Artikel
Das ist keine Empfehlung und kein Impfplan – sondern eine ehrliche Einordnung der vorliegenden Studienevidenz, damit du das Gespräch mit deiner medizinischen Fachperson besser führen kannst. Die Wirksamkeitszahlen stammen aus den jeweiligen Zulassungsstudien; die Wirksamkeit im Alltag liegt meist etwas tiefer, und die Empfehlungen – besonders zu COVID und Pneumokokken – ändern sich laufend.
Die stärkste Evidenz
Hohe Wirksamkeit in Studien.
- Gürtelrose (rekombinanter Zoster-Impfstoff, Shingrix) — Eines der stärksten Wirksamkeitssignale bei Erwachsenenimpfungen: rund 97 % Schutz vor Gürtelrose bei Personen ab 50 Jahren und etwa 90 % bei über 70-Jährigen. Zwei Dosen; Schmerzen an der Einstichstelle und kurzzeitige Müdigkeit sind häufig. (gut belegt)
- RSV-Impfung für ältere Erwachsene — In Studien der ersten Saison reduzierten die RSV-Impfstoffe RSV-bedingte Erkrankungen der unteren Atemwege bei älteren Erwachsenen um rund 83–89 %. Die Werte über zwei Saisons sind tiefer, was auf nachlassenden Schutz hindeutet – der Zeitpunkt der Impfung spielt daher eine Rolle. (gut belegt)
Real, aber bescheidener oder differenzierter
- Grippeimpfung – wirksam, aber mit bescheidenem Effekt, der von Jahr zu Jahr variiert — Ein Cochrane-Review bei gesunden Erwachsenen zeigte, dass die Grippewahrscheinlichkeit von rund 2,3 % auf 0,9 % sank – man müsste etwa 71 Personen impfen, um einen Fall zu verhindern. Die Wirksamkeit hängt davon ab, wie gut der Impfstoff zu den zirkulierenden Virusstämmen der jeweiligen Saison passt. Bei älteren Erwachsenen sind Hochdosis-Formulierungen rund 24 % wirksamer als die Standarddosis. (Hinweis)
- Pneumokokken – schützt vor impftyp-spezifischer Lungenentzündung, nicht vor allen Lungenentzündungen — In einer grossen Studie mit Erwachsenen ab 65 Jahren senkte der Konjugatimpfstoff die impfstofftypische Pneumonie um rund 45 % und invasive Erkrankungen um rund 75 %, nicht jedoch die Pneumonie aller Ursachen. Inzwischen werden neuere Kombinationen (PCV20/PCV15 ± PPSV23) eingesetzt. (Hinweis)
- COVID – starke Wirkung bei schwerem Verlauf, nachlassend bei Infektion — Impfstoffe schützen zuverlässig vor schwerem COVID-Verlauf, Spitaleinweisung und Tod; der Schutz vor einer Ansteckung lässt mit der Zeit nach – deshalb werden regelmässig aktualisierte Auffrischimpfungen angeboten, besonders für Menschen ab 65 Jahren und Immungeschwächte. Die Empfehlungen werden laufend angepasst. (Hinweis)
- Tdap – Tetanus/Diphtherie/Keuchhusten — Einmalig Tdap, danach alle zehn Jahre eine Auffrischung; eine Dosis in jeder Schwangerschaft schützt das Neugeborene vor Keuchhusten. Seit Langem etabliert. (gut belegt)
Was wir noch nicht wissen
- Optimaler Booster-Zeitpunkt bei RSV und COVID Beide lassen nach; wie häufig genau nachgeimpft werden muss, um den bestmöglichen Schutz zu erzielen, wird noch untersucht, während weitere Daten anfallen.
- Wie stark diese Massnahmen bei sehr alten Menschen verhindern oder nur verzögern Die Wirksamkeit in Studien ist klar; der langfristige Nutzen für die ältesten und gebrechlichsten Menschen in der Bevölkerung wird noch untersucht.
Schlüsselbegriffe
- Efficacy vs. Effectiveness Schutzwirkung unter Studienbedingungen im Vergleich zur unübersichtlichen Realität – letztere fällt in der Regel geringer aus.
- Rekombinanter Impfstoff Wird aus einem im Labor hergestellten Proteinfragment gewonnen, nicht aus einem ganzen Erreger (z. B. Shingrix, Arexvy).
- Herpes zoster Gürtelrose – ein schmerzhafter Ausschlag durch das reaktivierte Windpockenvirus, der mit zunehmendem Alter häufiger auftritt und schwerer verläuft.
- Konjugat- vs. Polysaccharid-Impfstoff (PCV/PPSV) Es gibt zwei Arten von Pneumokokken-Impfstoffen: Konjugatimpfstoffe erzeugen ein stärkeres und länger anhaltendes Immungedächtnis; Polysaccharidimpfstoffe decken mehr Stämme ab, jedoch mit schwächerer Immunantwort.
- Nachlassende Immunabwehr Der erwartete Rückgang des Impfschutzes mit der Zeit – der Grund, warum Auffrischimpfungen (Booster) existieren.
- ACIP Das US-amerikanische Beratungsgremium, das Impfempfehlungen festlegt – und diese anpasst, wenn sich die Studienlage verändert.